AWO in Stormarn
 

Solo mit Frack und Rollator

29.06.2010 11:32

 

Musik war und ist ein Fester Bestandteil im Leben von Werner Lundgren und Günter Apel aus dem WOHN- und Servicezentrum Lauenburg.

Musik ist Günter Apels Leben. Bei Festen, in Kirchen, in geselliger Runde – immer wieder hat der 87-Jährige gesungen. Bis 2009, als bei ihm durch eine Entgleisung des Diabetis „innerhalb von 10 Minuten plötzlich die halbe Welt zusammenbrach". „Als ich deshalb hierher zur AWO kam, konnte ich nicht alleine stehen und mich nicht erinnern", erzählt Günter Apel. „Doch die Stimme ist erstaunlicherweise erhalten geblieben. Und nach und nach sind bei mir viele kleine Türchen wieder aufgegangen: Bilder der Erinnerung bis in die Kindheit hinein." 

 

Die zweite Karriere

 Apels Mutter war Pianistin, der Vater Organist, und als Lehrer in Lauenburg führte Günter Apel 32 Jahre lang viele Schüler an die Musik heran. Auch im Chor hat er viele Jahre lang gesungen und seit den 60er Jahren auch Gesangsunterricht genommen. Von einigen Auftritten gibt es sogar Rundfunkaufnahmen. „1999, als Weißhaariger, wurde meine Stimme dann auch entdeckt und ich habe meine zweite Karriere mit Solo-Auftritten begonnen."

Aufgewachsen ist Günter Apel mit Bach und Mozart. „Aber beim
Notenständer neben dem Klavier habe ich irgendwann einen zweiten Stapel gesehen, mit Schlagern und Operetten." Und die liebt Günter Apel heute noch. Beim Spaziergang am Ammersee hat er sogar einmal Rudi Schuricke getroffen. „Bei der AWO finde ich all das natürlich wieder. ‚Die Capri Fischer‘ oder ‚Tulpen aus Amsterdam‘, das können fast alle Bewohner hier mitsingen."

Heute denkt er bei Schlager immerauch an den Geburtstag seines Vaters am 12. Juli: „Da haben wir immer zu alten Schelllackplatten auf dem Rasen getanzt."  An diese Platten, „die man heute nur noch mit besonderen Nadeln hören kann"erinnert sich auch Werner Lundgren gerne, obwohl er „schon längst auf CD umgestiegen" ist. Noch heute schwärmt der 84-Jährige vom Koffergrammophon, das er von seinem Großvater geschenkt bekam. „Das konnte man überall mit hinnehmen, auch während des Krieges oder an den Strand." Ende der 30er Jahre war er damit oft im Boot auf dem Hamburger Stadtparksee unterwegs, mit an Bord ein Freund und zwei Mädchen. Gemeinsam hörten sie „Der Mai ist gekommen" oder „Ich tanze mit dir in den Himmel hinein", und Werner Lundgren spielte mit der Mundharmonika dazu. „Da durfte das Boot natürlich nicht umkippen", lacht Werner Lundgren, als er von damals erzählt.

Seine Platten hat er nicht mitgenommen, als er 2005 schwer krank zur AWO kam. Aber auch heute tanzt er noch gern, am liebsten Walzer oder Foxtrott. „Ich brauche nur immer eine Frau, die mich festhält, wenn mir schwindelig wird."

"Heut‘ geh‘ ich ins Maxim"

Auch Günter Apel hat inzwischen seinen Rollstuhl verlassen und widmet sich wieder der Musik. Seine Plattensammlung – anderthalb Meter klassische Musik – hat er zwar verschenkt. Aber auch bei der AWO hat er bereits bei zwei Veranstaltungen Solo gesungen, „als Stütze ein Rollator". „Mein Hauptinstrument war die Geige. Daher hab‘ ich noch den Frack, mit dem ich beim Faschingsfest aufgetreten bin", erzählt er und stimmt noch einmal mit schwungvoller Stimme an: "‚Heut‘ geh‘ ich ins Maxim, da bin ich sehr intim‘." Dann hält er kurz inne und lacht: „Ob die mich da heute wohl noch reinlassen würden?"