Sehen und gesehen werden
17.09.2010 10:42
Sehen und gesehen werden
13.09.2010 09:12
Plötzlich stand Uwe Hackbarth (67) vor AWO-Mitarbeiterin Silvia Hennig im Hausflur. Da hat sie genauer hingeschaut – und gesehen, dass Uwe Hackbarth nichts mehr sieht.
Rotterdam, Luxemburg, Basel, Berlin - Uwe Hackbarth hat viel gesehen und erlebt. Als Matrose war er 30 Jahre lang auf Binnenschifffahrt und ständig unterwegs. „Doch dann, plötzlich, war ich ans Haus gebunden“, erzählt der 67-Jährige. Von Jahr zu Jahr sah er, der früher die Welt und das Meer gesehen hatte, immer weniger. Bis er vor einigen Jahren völlig erblindete. „Mindestens ein dreiviertel Jahr lang konnte ich nicht aus dem Haus“, erinnert er sich.
Wie viele andere hatte auch er schon als Kind eine Brille tragen müssen, um seine Augenschwäche zu korrigieren. „Bei vielen Kindern 'verwächst' sich so etwas mit der Zeit. Doch bei mir war das anders. Meine Augen wurden immer schlechter. Ein bisschen hab' ich das auch selbst verschlampt“, weiß Uwe Hackbarth. „Ich hatte es ja leichter, als jemand, der von Geburt an blind ist. Ich wusste, dass ein Baum grün ist und wie man Kaffee und Suppe kocht. Und ein Kollege hat ab und zu für mich eingekauft.“
„Da bin ich hinterher“
Immer wieder vereinbarte Uwe Hackbarth Augenarzttermine, ging dann aber doch nicht hin. Denn er hatte niemanden, der sich mit ihm auf den so wichtigen Weg machte. Bis er durch Zufall im April 2009 eine Mitarbeiterin der AWO Sozialstation Lauenburg traf. „Ich war gerade bei seiner Nachbarin, als ich Herrn Hackbarth im Hausflur sah, völlig orientierungslos“, erinnert sich Pflegeleiterin Silvia Hennig. „Da bin ich hinterher und habe gefragt, ob ich helfen kann. Denn ich konnte mir überhaupt nicht vorstellen, wie er sich alleine versorgen kann. Als ich dann in seine Wohnung kam, habe ich gesehen, dass er wirklich ganz dringend Hilfe braucht.“
Mit Hilfe einer Betreuerin sorgte Silvia Hennig dafür, dass Herr Hackbarth zum Augenarzt gehen und andere wichtigen Angelegenheiten regeln konnte. Sie bestellte für ihn Essen auf Rädern, stellte Anträge beim Sozialamt, beantragte eine Pflegestufe, leitete eine ambulante Pflege ein und organisierte innerhalb von drei Monaten eine neue Wohnung. Und auch für die halb verhungerten Katzen von Herrn Hackbarth, eine große und viele kleine, besorgte sie ein neues Zuhause.
Neues Augenlicht
Darüber, dass seine neue Wohnung in der gleichen Straße wie die alte liegt, ist Uwe Hackbarth besonders glücklich. So hat er weiter Kontakt zu seinen alten Freunden, über die Tagespflege aber auch schnell neue Bekannte gefunden. Und die kann er seit seiner Augenoperation im Februar sogar sehen. „Heute hole ich meine neue Brille ab“, erzählt Uwe Hackbarth glücklich, „zum Lesen und Weitsehen.“
Viele alltägliche Dinge, die ihm vorher nicht mehr möglich waren, kann er jetzt wieder erledigen. Trotzdem kommt Uwe Hackbarth noch immer gerne in die Tagespflege, macht beim Sport mit und schiebt den Rolli seiner Bekannten, die nicht so gut zu Fuß sind. „Die Spaziergänge, das habe ich am meisten vermisst, als ich blind war“, sagt er, „zwei, drei Stunden am Tag.“
